"Wir lassen uns nicht herumschubsen" - 14.3.26
Von Robin Halle
„Diesen Hass hatte ich vorher noch nicht erlebt!“: Das sagt CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel nach der Landtagswahl in Baden-Württemberg.
RAVENSBURG - Er sieht den Ball bei den Grünen und Cem Özdemir liegen: Worauf es Manuel Hagel bei der Bildung einer Regierung ankommt, erklärt er im exklusiven Interview mit der Schwäbischen Zeitung.
Herr Hagel, Sie haben sich in den vergangenen Tagen weitgehend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Warum?
Also, meinen letzten öffentlichen Auftritt hatte ich am Sonntag. Danach habe ich jetzt mal fünf Tage keine Interviews gegeben. Ihre Frage klingt eher nach abgeschotteter Ruhe, wie man sie bei einem buddhistischen Mönch erwarten würde. Es war immer klar, dass die Woche nach der Wahl für uns von leiser Orientierung geprägt sein wird – egal, wie die Wahl ausgeht. Am Montag kam zuerst der CDU-Landesvorstand zusammen, am Dienstag die neue CDU-Landtagsfraktion gemeinsam mit den ausscheidenden Kolleginnen und Kollegen und am Donnerstag unser Landesvorstand gemeinsam mit den 70 Bewerberinnen und Bewerbern aus unseren Wahlkreisen. Es ist meine feste Überzeugung, dass Politik diese vertrauten Räume braucht, in denen man sich die Karten legt. Das Votum der Wählerinnen und Wähler wollen wir genau lesen, verstehen und daraus lernen.
Was lernen Sie konkret?
Das Wahlergebnis hat für uns ja bekanntlich Licht und Schatten. Schatten, weil wir unser wichtigstes Wahlziel, stärkste Kraft zu werden, nicht erreicht haben. Licht, weil es keine Fraktion im neuen Landtag gibt, die stärker ist als wir und weil wir von den 70 Wahlkreisen 56 direkt gewonnen haben. Die CDU Baden-Württemberg hat als einzige Partei der politischen Mitte ordentlich zugelegt. Meine Partei ist deshalb auch eine Gewinnerin dieser Wahl. Seit 2006 haben wir erstmals wieder bei einer Landtagswahl deutlich Stimmen dazugewonnen, bei den Erststimmen liegen wir mehr als 460.000 Stimmen vor den Grünen. Viele Menschen haben uns vertraut und verlassen sich jetzt auf uns. Mit diesem Vertrauen gehen wir sehr sensibel und verantwortungsvoll um – es ist für uns ein Auftrag. Klarer Kurs braucht klaren Kopf!
Die Debatte um „Eva mit den rehbraunen Augen“ hat im Wahlkampf viele Schlagzeilen geprägt. Mit etwas Abstand: Wie bewerten Sie heute den Vorgang, Ihre damalige Kommentierung und die öffentlichen Reaktionen?
Es stimmt schon, die letzten Wochen des Wahlkampfs waren vor allem für meine Familie, mein Umfeld, meine Partei und mich strapazierend. Die Aggressionen und der Hass, die uns entgegengeschlagen sind, hatte ich so vorher noch nicht erlebt und ehrlicherweise wünsche ich das auch niemandem. Die Leidenschaft, mit der einige im politischen Betrieb alles das angeheizt haben, sagt viel über den Stil, die Werte und die politische Motivation dieser Personen aus. Da gibt’s auch nichts drum rum zu reden.
Was hat das mit Ihnen gemacht?
Sie werden von mir kein Gejammer hören. Niemand hat mich in die Öffentlichkeit gezwungen, es war meine freiwillige Entscheidung. Als ich CDU-Landesvorsitzender geworden bin, habe ich gesagt, dass ich für einen politischen Stil mit Anstand und Verantwortung stehe. Deshalb bin ich fest davon überzeugt, dass die Menschen gerade sehr genau auf uns schauen. Wir sind uns unserer Verantwortung für Baden-Württemberg bewusst. Ich bin mir meiner Verantwortung bewusst.
Alle Entscheidungen in unserer Kampagne sind unter meiner Verantwortung getroffen worden. Deshalb war mir wichtig, bereits am Wahlabend Verantwortung zu übernehmen, man kann ja dann nicht einfach so weiter machen. Mein Rücktrittsangebot an den Landesvorstand der CDU Baden-Württemberg war deshalb einfach die Konsequenz meiner Überzeugungen und meines Werteverständnisses. Dass ich, nachdem unser Parteivorstand mich gebeten hat, unsere Partei weiterzuführen, nicht wegrenne wie die Sau vom Trog, ist auch Teil meines Verständnisses von Verantwortung. Es geht aber nicht um mich – es geht ums Land. Zuerst das Land, dann die Partei, dann man selbst.
Man hat den Eindruck, dass sich Teile der CDU immer noch im Wahlkampfmodus befinden – und die Regierungsbildung eher schleppend vorankommt. Ist es an der Zeit, dass Sie ein Machtwort sprechen?
Nein. Die CDU Baden-Württemberg ist die staatstragende Volkspartei für unser Land. Wir lassen eben auch nicht alles mit uns machen. Wir lassen uns nicht herumschubsen, da bitte ich schon um Verständnis. Diese neuen Methoden im Wahlkampf, die bestimmte Personen in unser Land gebracht haben, haben in meiner Partei verständlicherweise für viel Ärger gesorgt. Genau so war für uns aber auch immer klar, dass wir diese Methoden nicht verwenden. Es ist einfach nicht unser Stil. Diese ganzen Kulturkämpfe, diese ganzen Aufgeregtheiten führen zu nichts Gutem.
Ich möchte einfach keine amerikanischen Verhältnisse in unserem Land, in denen sich gesellschaftliche Gruppen ganz unversöhnlich gegenüberstehen. Anderen ist das offenkundig ganz egal. Aber wir sind die CDU – wenn es einfach ist, kann’s jeder. Wenn’s schwierig wird, müssen wir ran. Wir sind uns unserer Rolle sehr bewusst. Aber dennoch: Wir haben eine amtierende Landesregierung, die im Amt ist. Unser Land ist handlungsfähig. Wir sind jetzt an Tag 6 nach der Wahl, nicht in Woche sechs. Es besteht überhaupt kein Grund zur Hektik.
Bundeskanzler Friedrich Merz überraschte kurz nach der Wahl mit der Aussage: „Cem Özdemir hat einen bürgerlichen Wahlkampf geführt. Dann muss es eine bürgerliche Politik in Baden-Württemberg geben – und keine linke und keine grüne Politik.“ Erschweren oder erleichtern diese Sätze die Koalitionsgespräche mit den Grünen?
Ich stand da ja neben unserem Kanzler. So weit sind wir aber jetzt doch noch gar nicht. Wir befinden uns im Moment weder in Sondierungen noch in Koalitionsgesprächen. Die Grünen haben die Wahl bei den Zweitstimmen hauchdünn für sich entschieden. Dazu habe ich bereits am Wahlabend der Partei Bündnis 90/Die Grünen und Herrn Özdemir gratuliert. Manche haben das kritisiert, mir war das aber wichtig. Für mich hat das was mit Anstand zu tun. Klar ist aber auch, dass der Ball nun bei den Grünen und Herrn Özdemir liegt. Sie müssen jetzt versuchen, eine Regierung zu bilden. Ob wir hier Partner sein können, hängt von den Inhalten und den Zielen einer möglichen neuen Regierung ab – aber auch vom Stil, der Richtung und den Werten, die so eine mögliche neue Landesregierung prägen sollen. Es wird mit uns keine beliebige Verlängerung von grün-schwarz geben. Es sind jetzt zwei gleich starke Partner. Jede Fraktion hat 56 Abgeordnete – meine Kolleginnen und Kollegen habe alle ihre Wahlkreise direkt gewonnen. Ich kann und werde unsere Überzeugungen nicht an der Garderobe abgeben. Ich will, dass wir unseren Wählerinnen und Wählern aufrecht in die Augen schauen können. Als Mehrheitsbeschaffer für eine linke Politik stehen wir folglich nicht zur Verfügung. Es geht um Inhalte, Stil und Richtung. All das werden die nächsten Wochen zeigen.
Gibt es Positionen, die seitens der CDU nicht verhandelbar sind – beispielsweise in der Migrationspolitik?
Wir haben sehr klare Vorstellungen davon, welche Politik unser Land jetzt braucht – bei Wirtschaft und Arbeitsplätzen, bei Bildung und bei der inneren Sicherheit und der Migrationspolitik. Für diesen Kurs haben wir viel Zustimmung bekommen: 56 Direktmandate und sehr hohe Kompetenzwerte zeigen, dass viele Menschen uns Christdemokraten zutrauen, die aktuellen Herausforderungen zu bewältigen. Für uns ist entscheidend, dass wir in einer möglichen Regierung auch liefern. Die Glaubwürdigkeit der CDU Baden-Württemberg ist mir extrem wichtig.
Deshalb ist völlig klar, dass es viele Positionen gibt, von denen wir überzeugt sind. Nicht, weil sie von uns kommen, sondern weil sie das Richtige für das Land sind. Wer mit uns regieren will, muss auch bereit sein, das Richtige zu tun.
Ein „dickes Brett“ bei den Gesprächen werden zukunftsfähige Arbeitsplätze in der Automobilindustrie. Sie haben klar formuliert: „Das Verbrenner-Verbot muss weg.“ Cem Özdemir will den Fokus auf „Investitionen in Forschung und Entwicklung“ legen. Gibt es eine Schnittmenge zwischen den Positionen?
Das Verbrenner-Verbot muss doch gerade deshalb weg, weil es sich gegen Forschung und Entwicklung richtet! Wir wollen unseren Ingenieurinnen und Ingenieuren nicht vorschreiben, welche Technologie sie entwickeln sollen. Überhaupt brauchen unsere Autobauer, die Facharbeiterinnen und Facharbeiter die Freiheit, für den Weltmarkt zu produzieren. Wir kämpfen für Forschung und Entwicklung und gegen politische Verbote. Schauen Sie doch den hohen Anteil der AfD-Wähler in diesem Bereich an. Viele haben den Eindruck, dass ihnen politisch etwas übergestülpt wird, das mit ihrer Lebenswirklichkeit rein gar nichts zu tun hat. Wir sind da sehr klar als CDU. Alles andere zeigt die Zeit.
Bezogen auf die Bildungspolitik hatten Sie kurz vor der Wahl vorgeschlagen, das AbiturPlus in weiteren Bildungseinrichtungen zu ermöglichen – eine technische Ausbildung parallel zum Abitur. Wie stehen die Grünen dazu?
Für uns als CDU ist klar: Berufliche und akademische Bildung sind absolut gleichwertig. Baden-Württemberg lebt von klugen Ingenieurinnen und Ingenieuren – aber genauso von hervorragend ausgebildeten Facharbeiterinnen und Facharbeitern. Master und Meister, das ist unser Weg. Ein ganz hervorragender Weg ist hier das Modell „AbiturPlus“, bei dem Abitur und technische Ausbildung miteinander verbunden werden. Es verbindet Theorie und Praxis und eröffnet jungen Menschen neue Perspektiven. Die Welt beneidet uns um so vieles – vor allem aber um unsere Berufsschulen und die duale Ausbildung. Es geht um die Zukunftschancen unserer Kinder.
Angesichts der gleichen Verteilung von jeweils 56 Sitzen im Landtag: Halten Sie es für geboten, dass Grüne und CDU gleich viele Minister stellen?
Im Moment befinden wir uns nicht in Koalitionsverhandlungen. Uns geht es nicht um Posten – es geht uns um unsere Inhalte.
Ihre Prognose: Wie lange wird es dauern, bis die neue Landesregierung die Arbeit aufnimmt?
Wir haben immer gesagt, dass es hier keinen Automatismus gibt. Wenn wir zu Sondierungen eingeladen werden, werden wir konstruktiv in diese Gespräche gehen – aber unsere inhaltlichen Positionen geben wir nicht auf. Wir machen das wie gute Handwerker: Gründlichkeit vor Schnelligkeit. Sollten wir Sondierungsgespräche führen, ist ganz entscheidend, ob das gegenseitige Vertrauen ausreichend ist, um fünf Jahre gemeinsam zu regieren.
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Schwäbische Zeitung - Süden, Ausgaben Biberach, Laupheim, Riedlingen vom 14.3.2026